Mitarbeiter von KaVo berichten…

Gleitschirmfliegen in Marokko… Abenteuer Gleitschirmfliegen

Ein Tag in der Vogelperspektive von Roman Frommelt

20. April, 20:30 Uhr, die Wettermodelle wurden gerade frisch aktualisiert und ich schau mir noch einmal die Vorhersagen der Wolken, den Höhenwind und die Luftschichtungsdiagramme an: Mittwoch könnte ein guter Streckenflugtag am Hohenneuffen (Nördlicher Albtrauf) sein. Hoffentlich bekomm ich an diesem Nachmittag frei…

Zwei Tage später steh ich um 14 Uhr am Startplatz, zupfe sanft an den vorderen Leinen und checke ein letztes Mal mein Equipment. Die nächste Windböe füllt den Gleitschirm, eine halbe Drehung, 1 bis 2 Schritte und schnell hebt mich mein grüner Schirm nach oben und ich gleite aus der Waldschneise. Am rechten Waldhang ist ein Greifvogel zu sehen, der sich mit engen Kreisen deutlich nach oben schraubt. Er zeigt mir die erste Thermikblase in der man sich nach oben, Richtung Wolke, liften lassen kann. Da am Neuffen der Höhenunterschied „nur“ 60 Meter zum Landeplatz beträgt, habe ich nicht viele Möglichkeiten und muss den engen Thermikschlauch schnell „auskurbeln“, um nicht nach 2 Minuten wieder am Landeplatz zu stehen.

In diesem Fall habe ich Glück und kann mit zwei weiteren Gleitschirmkollegen bis auf 1.300m Höhe aufdrehen. Nun noch schnell die Bandansage mit dem Flugfunkgerät abhören und prüfen, ob der Segelflugsektor „Alb Nord“ freigeben ist und wir weiter auf 1.600m, bis zur Wolkenuntergrenze aufdrehen dürfen. Da wir an diesem Tag leichten Nord-West Wind haben, schiebt uns der Wind in Richtung Ehingen. Mit meinen beiden Flügelmännern ist es am Anfang noch relativ einfach, gemeinsam zu fliegen, da immer wieder einer von uns Dreien einen neuen Thermikschlauch findet und wir uns so gegenseitig helfen können. Doch bald trennen sich unsere Wege, der Eine biegt Richtung Ulm ab und mit dem Zweiten fliege ich bis kurz vor Ehingen gemeinsam. Auf der Suche nach Thermik checken wir den Himmel nach aktiven Thermikwolken („Schönwetterwolken“) ab, nehmen den Geruch der Luftmasse auf und halten ständig nach drehenden Vögeln Ausschau. Im Element Luft sind wir nur Gast und können uns mit unseren menschlichen Sinnesorganen nur an die Flugkünste der Vögel herantasten. Aber wir sind fast immer willkommen und werden in der Luft ganz genau von Nahem beäugt und dann doch wieder stehen gelassen.

Traumhafte Sicht auf Chile
Traumhafte Sicht auf Chile

Inzwischen bin ich bereits fast 4 Stunden in der Luft – Wind und Wolken tragen mich immer weiter. Zum ersten Mal sehe ich Biberach von oben. Und ich fliege mit einem dicken Grinsen im Gesicht über das KaVo Gelände, vorbei an Stadtmitte und Freibad weiter Richtung Süden. Gegen 18 Uhr erwische ich noch einen schönen Thermikschlauch direkt über der Liebherr Lackiererei, der mich auf 1.300m Höhe befördert und auch dort oben noch ordentlich nach Farbe stinkt. Nach einem kurzen Ausflug nach Fischbach kämpfe ich mich gegen den Wind wieder nach Ummendorf zurück und lande dort auf einer Wiese. Nun steht der zweite Teil des Abenteuers bevor. Wie komme ich Mittwoch, 18:30 Uhr an das 75 km entfernt stehende Auto zurück? In den meisten Fällen trampt man als Anhalter zurück, da der Zug oder Bus leider nicht direkt am Startplatz hält. Aber gerade das Zurückfahren als Anhalter mit den verschiedensten Menschen macht das Streckenfliegen auch so spannend.

An diesem Tag passt alles perfekt zusammen und meine Freundin fährt mich nach dem obligatorischen Landebier und einer Pizza direkt zum Neuffen zurück. Abends stelle ich mittels einer Onlinedatenbank erstaunt fest, dass ich es als Einziger von uns Dreien bis nach Biberach geschafft habe. Für mich ein persönliches Highlight, für den Gleitschirmsport eher unbedeutend, da mittlerweile 400 km bei perfekten Bedingungen geflogen werden.

 

Gleitschirmfliegen ist immer aufs Neue ein Abenteuer und nicht ganz risikofrei. Für alle, die mehr darüber wissen wollen, gibt es jetzt ein paar wichtige Fragen und Antworten.

  1. Ab welchem Alter darf man Gleitschirmfliegen und bis zu welcher Obergrenze? Gibt es eine Art „Führerschein“?

Ab 16 Jahren kann man den „Luftfahrerschein für Luftsportgeräteführer“ machen. Nach oben setzt eigentlich nur die eigene Psyche/Verfassung die Grenze. Man absolviert in einer entsprechenden Flugschule 40 Höhenflüge und schließt diese mit einer praktischen und theoretischen Prüfung ab.

 

Biberach aus der Vogelperspektive
Biberach aus der Vogelperspektive
  1. Welche körperlichen Voraussetzungen sollte man mitbringen?

Man sollte eine normale Grundfitness mitbringen, so dass man bei nicht idealem Start- bzw. Landewind auch mal ein kleines Stückchen rennen kann. Ansonsten sind die meisten Gleitschirmflieger eher bequeme Leute, die mit Seilbahn oder dem Auto/Bus auf den Berg fahren. Beim Gleitschirmfliegen zählt viel mehr die mentale Stärke!

 

  1. Ist der Sport nicht extrem gefährlich?

Nein, extrem gefährlich finde ich es nicht. Zu einer normalen Ausrüstung gehört ein Rettungsfallschirm als 2. Chance, den man zur Not ziehen kann. Wichtig ist, dass man genügend Höhe „unterm Hintern“ hat, dass der Rettungsschirm auch aufgehen/tragen kann.

Aber es ist auch nicht ungefährlich und es gibt fast keinen Piloten, der nicht schon einmal in seiner Flugkarriere einen „Zwischenfall/Unfall“ hatte. Es hängt – wie in allen anderen anspruchsvolleren Sportarten auch – von der Selbsteinschätzung und den eigenen Grenzen ab. Und es handelt sich hierbei nicht um einen Sonntagssport, den man 3 Mal im Jahr durchführen kann, wenn alles perfekt passt. Regelmäßiges Fliegen gibt mehr Sicherheit.

Darüber hinaus spielt beim Gleitschirmfliegen das Wetter eine entscheidende Rolle in Hinblick auf die Sicherheit und auch den Spaß an sich. Ich bin der Meinung, dass man sein Leben und sein soziales Umfeld diesem Sport bzw. dieser Leidenschaft anpassen muss, da eher selten das Wetter an terminfreien Samstagen gut zum Fliegen ist.

 

  1. Wie können Sie bei Problemen mit der Thermik trotzdem sicher landen?

Starten und landen sind die kritischsten Phasen beim Gleitschirmfliegen. Wichtig ist, dass man nicht im Windschatten von Hindernissen landet, da dort der Wind gefährlich verwirbelt ist.

 

Start in Marokko
Start in Marokko
  1. Was kostet die Ausrüstung und was beinhaltet so eine Ausrüstung?

Gebraucht kostet die Ausrüstung etwa 1.500 €, eine neue das Doppelte, sprich 3.000 €. Die Gleitschirmausrüstung besteht aus dem Gleitschirm, dem Gurtzeug (je nach Pilotenambition Sitz-, Liege- oder Schnürchengurtzeug), 1-2 Rettungsschirme sowie diverse Fluginstrumente, wie Variometer, GPS inklusive Luftraumkarten und natürlich dem Helm.

 

  1. Welche Facetten bietet der Sport?

Der Gleitschirmsport bietet mittlerweile sehr viele Möglichkeiten:

  • Man nutzt den Gleitschirm als Abstiegshilfe, um nach einer Wanderung vom Berg „nur“ hinunterzufliegen (es gibt mittlerweile eine Komplettausrüstung mit nur 4kg!)
  • Kunstfiguren fliegen (Acrofliegen) für die Adrenalinjunkies
  • Streckenfliegen/Biwakfliegen (möglichst weite Strecken zurücklegen), mit der Option auf Übernachtung auf dem Berg oder
  • man hängt entspannt über den Küstendünen im Seewind ab