Die Prophylaxe braucht ein Konzept

Die perfekte prophylaxe-Sitzung

Im Herbst dieses Jahres startete KaVo Kerr die Kursreihe „Umsatzmotor Prophylaxe – News & Trends aus Praxis und Wissenschaft“. Der Einladung zu der 2. Veranstaltung nach Biberach am 23. Oktober folgten 16 Zahnärztinnen, Zahnärzte und Praxismitarbeiter. Die Veranstaltung versprach eine praxisorientierte Ausrichtung. Dies gelang mit den Vorträgen von Dentalhygienikerin Sylvia Fresmann über die perfekte Prophylaxesitzung und dem wissenschaftlichen Referat von Prof. Dr. Dirk Ziebolz, der sich mit der neuen Klassifikation der Parodontalerkrankungen befasste.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch Edwin Fieseler, Marketing DACH bei KaVo Kerr, startete Sylvia Fresmann ihren Vortrag „Die perfekte Prophylaxesitzung – mit Prophylaxe zum Erfolg“. Dass man mit Prophylaxe erfolgreich sein könne, liege auf der Hand, so die einleitenden Worte der Referentin, denn mit wachsender Lebenserwartung der Bevölkerung und höherer Lebensqualität werde die Nachfrage nach Proyhlaxemaßnahmen seitens der Patienten weiter steigen. Der Trend gehe eindeutig weg von einer restaurativen Zahnmedizin hin zur präventiv orientierten Behandlung.

Leider stelle sie immer wieder fest, dass Präventionssitzungen in verschiedenen Praxen sehr unterschiedlich ablaufen. Es variieren und differieren nicht nur die zum Einsatz kommenden Instrumente, sondern auch die Qualifikationen der Behandlerinnen und die Inhalte einer einstündigen Prophylaxesitzung.

Unter dem Aspekt der Qualitätsicherung bzw. Qualitätssteigerung empfehle sie die Integration eines professionellen Prophylaxekonzepts in den Praxisalltag, denn dies sei die Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Verlauf der meisten Therapien. Dieses Konzept sieht zunächst ein Einführungsgespräch und die Anamnese vor, um die patientenbezogenen Faktoren richtig einschätzen zu können. Sehr wichtig sei die richtige Wortwahl: So dürfe dem Patienten keinesfalls seine mangelhafte Mundhygiene vorgeworfen werden; vielmehr müsse ihm verbal wie auch visuell mitgeteilt werden, wie er diese verbessern kann. Unbedingt zu vermeiden sind Aussagen wie z.B. „Sie haben ein Putzdefizit oder eine Schwachstelle“. Sachlich aufklären, lautet hier das Credo. Im nächsten Schritt folgt die Befundaufnahme, d.h. die Erhebung des BoP-Index, des Plaque-Index und die Feststellung des Parodontalstatus. Der PSI ist in der Klassifikation nicht mehr wirklich thematisiert, so die Referentin. Er sollte aber erhoben werden, da mit ihm bei Neupatienten zunächst ein Screening durchgeführt werden kann – schnell und einfach. Danach schließt sich die weitere Diagnostik an.

Die Behandlungsschritte, die Risikoeinstufung und Therapiemaßnahmen müssen im Verwaltungsprogramm oder speziellen Diagnostikprogrammen, wie z.B. dem ParoStatus, die mittlerweile vielfach auch als Apps erhältlich sind, dokumentiert werden. Sehr wichtig sei es, mit dem Patienten im Gespräch zu bleiben und ihn genau zu instruieren.

Das A und O der Prophylaxe

Grundvoraussetzung für eine optimale Prävention ist, dass die Prophylaxeassistentin die Funktionsweise von Schall- bzw. Ultraschallinstrumenten genau kennt, insbesondere wann, wie und mit welchem Aufsatz und Anlagewinkel diese zum Einsatz kommen sollten. Mit allen Geräten könne grundsätzlich gut gearbeitet werden – den Ausschlag gebe die Person, die das Gerät bedient. In diesem Zusammenhang riet die Referentin den Teilnehmern , generell mit minimalabrasiven Pulvern zu arbeiten – subgingival oder gingival – und nach der Reinigung grundsätzlich eine Politur mit Gummikelchen und Polierpasten durchzuführen. Als zusätzliche Maßnahme könne eine Zungenreinigung in Betracht gezogen werden sowie der Einsatz des Diagnodents zum Scannen der Zahnoberflächen auf Karies. Final erfolgt die Fluoridierung der Zähne. Nach Abschluss der Prophylaxesitzung überreicht die Prophylaxemitarbeiterin dem Patienten individuelle Mundpflege-Instruktionen in schriftlicher Form und vereinbart mit ihm direkt den nächsten Recalltermin.

Wie rentabel ist eine Prophylaxesitzung?

Frau Sylvia Fresmann beschrieb ausführlich die korrekte Prophylaxesitzung.

Wer ein ausgeklügeltes Prophylaxekonzept in seiner Praxis implementiert, so Fresmann, lege damit den Grundstein für die erfolgreiche Patientenbindung. Durch regelmäßige Kontrollen und präventive Maßnahmen gelinge es, die Mundgesundheit der Patienten kontinuierlich zu verbessern und damit einen Beitrag zu einer guten Allgemeingesundheit zu leisten. Zudem sei es angesichts der rasanten demografischen und technischen Entwicklung ratsam und lohnend, Prophylaxe in das Praxiskonzept einzubinden. Die Referentin empfiehlt, zunächst eine Wirtschaftlichkeitsberechnung zu erstellen, basierend auf dem Stundensatz der Prophylaxesitzung, den Arbeitstagen, der Anzahl der Sitzungen sowie den Personal- und sonstigen Kosten. Diese Daten sind der Verwaltungssoftware zu entnehmen.

Neues in der Parodontitistherapie

Gibt es wirklich Neues in der Parodontitistherapie oder führt Bewährtes auch zum Erfolg? Mit der Beantwortung dieser Frage setzte sich Prof. Dr. Dirk Ziebolz von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie in Leipzig in seinem knapp zweistündigen Vortrag anhand zahlreicher Schaubilder auseinander.

2018 wurden die aktuellen S3-Leitlinien zur Parodontologie und die nun gültige Klassifikation der parodontalen Erkrankungen eingeführt. Die bisherige Einteilung in chronische und aggressive Parodontitis wurde ersetzt, d.h., der Schweregrad, die Komplexität und Progressionsrate der Parodontitis werden nun durch ein Staging und Grading der Erkrankung charakterisiert, um Therapieentscheidungen personalisiert treffen zu können.

Am Anfang einer parodontologischen Therapie, so betonte Prof. Ziebolz, dürfe nie die Frage stehen, welche Zähne erhaltungsfähig sind. Denn dies könne nie sicher beurteilt werden. Vielmehr müsse auf die Therapiefähigkeit geschaut werden, und zwar aus parodontologischer Sicht und mit Weitblick auf eine mögliche perioprothetische Versorgung. Der Behandler müsse in der Lage sein, eine einfache Parodontaltherapie von einer komplexen Therapie zu unterscheiden. Diese Denkweise setze auch die neue Klassifikation voraus.

Nachdem die Therapiefähigkeit festgelegt ist, werden die klinischen Befunde herangezogen, um eine zahnbezogene Prognose zu erhalten. Mit den patientenbezogenen Faktoren kann dann eine adäquate Prognose für den Patienten gestellt werden. Die neue Klassifikation setzt eine umfassende klinische Diagnostik voraus, um den Schweregrad und die Komplexität der Parodontitis zu definieren. Der Referent gab an, die Software Paro-Status (www.parostatus.de*) zu nutzen, um eine 3-dimensionale Darstellung der parodontalen Situation zu erhalten.

Besser: mehr Nachsorge und Verlaufskontrolle

Wie es richtig geht, zeigte die Referentin.

Die aktuelle Klassifikation definiert parodontale und gingivale Gesundheit neu, sie liefert ein Raster, in dem die Krankheitsbilder der ehemals als aggressive und chronische Parodontitis bezeichneten Formen über eine „Staging and Grading“-Matrix neu erfasst werden. Sie umfasst des Weiteren mukogingivale Deformitäten, also die Abschaffung der Miller-Klassen, sowie eine Beschreibung der periimplantären Erkrankungen und Zustände. Aus der Aktualisierung der Klassifikation resultiere die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und ausführlichen Befunderhebung, um die Progression der Erkrankung zu beobachten und die Diagnose anzupassen. Ein stringentes, gutes und fundiertes Befundungssystem sei daher unumgänglich.

Grundlegend für die Diagnostik sei eine ausführliche Anamnese, bei der sich der Zahnarzt individuell mit dem Patienten auseinandersetze. Er appellierte an die Zuhörer: „Nutzen Sie unbedingt den PSI und die PA-Sonde, die Ihnen sagen, ob Sie einen parodontal Gesunden oder einen Parodontitispatienten vor sich haben.“ In der Zukunft wäre ein Test sinnvoll, der die Virulenzfaktoren nachweist, um dann das spezifische Antibiotikum zu verabreichen. Denn die Parodontitis ist kein ausschließlich bakteriologisches Problem, sondern auch ein immunologisches. Fällt das Immunsystem ins Ungleichgewicht, entwickelt sich ein bakterielles Problem. Die Parodontitis ist also keine kontinuierliche Verlaufserkrankung, sondern eine Schuberkrankung. Sie unterliegt Phasen der Stagnation und Progression und daher ist ein Monitoring des Patienten so wichtig, um rechtzeitig Veränderungen zu bemerken.

Das Biofilmmanagement ist entscheidend

In weiteren Verlauf ging Prof. Ziebolz unter anderem auf die Vor- und Nachteile von Handinstrumenten sowie Schall- bzw. Ultraschallinstrumenten ein. Um Nachteile in der Anwendung auszugleichen, empfiehlt er die Kombination aus maschinellen und Handinstrumenten. Dabei sollte die SRP schonend mit Ultraschallgeräten begonnen werden und danach mit Handinstrumenten. Mit einem Schallscaler erfolgt die Entfernung harter Belege, von Konkrementen sowie Zahnstein. Der Ultraschallscaler komme für die subgingivale Bearbeitung infrage.

In der Parodontitistherapie stellt die mechanische Entfernung subund supragingvaler Beläge und Konkremente noch immer die Grundlage einer erfolgreichen Therapie dar. Der Winkelhoff-Cocktail (Amoxicillin plus Metronidazol) zeigt sich bei schweren Formen der Parodontitiden dem alleinigen Scaling und Root Planning überlegen, allerdings nur bei jüngeren Patienten. Auch die adjuvante Gabe von Probiotika spielt zunehmend eine Rolle. Neue Technologien, wie z.B. auch der Lasereinsatz in der PAR-Therapie, zeigten bisher nicht den erhofften Mehrgewinn. Die Studienlage sei allerdings nicht ausreichend, um evidenzbasierte Aussagen zu treffen. Effektiv zeige sich bislang der Erbium-YAG-Laser. In diesem Zusammenhang erwähnte der Referent, dass eine S3-Leitlinie zur subgingivalen Instrumentierung mit Laser zur Veröffentlichung anstehe.

Fazit

Wenn auch die neue Klassifikation der parodontalen Erkrankungen auf den ersten Blick recht komplex zu sein scheint und sicher eine große Veränderung in den Praxen mit sich bringt, so ermöglicht sie doch eine exaktere Diagnose und macht die Therapie aus klinischer Sicht besser planbar. Hier gilt wie überall – Übung macht den Meister. Durch regelmäßige Kontrollen und präventive Maßnahmen gelingt es, die Mundgesundheit der Patienten kontinuierlich zu verbessern. Ein Prophylaxekonzept muss daher in die Praxis implementiert werden. Wichtig sei außerdem, sich regelmäßig über neue Verfahren und Materialien für die Prophylaxe zu informieren und diese ggf. in den Behandlungsablauf zu integrieren.

 

Quelle: ZMK Aktuell Online